Gedanken zur aktuellen Bildungspolitik
Verfasser: Markus Wagner
Die Bildungspolitik in Deutschland und auch in Bayern steckt seit Jahren in einem strukturellen Dauerproblem. Das System ist vielschichtig aufgebaut: Ministerium, Regierungen, Kommunen und Schulen greifen ineinander, aber oft nicht gut genug und an die Ansprüche der schulischen Praxis orientiert. Die Folge ist ein schwerfälliger Verwaltungsapparat, in dem Verantwortung unklar verteilt ist, kultusministerielle Vorstellungen oftmals wenig mit dem Praxisalltag an den Schulen gemein haben und die Last der Umsetzung nach unten durchgereicht wird. Wenn niemand wirklich zuständig ist, bleibt vieles liegen – ein Befund, der sich mit Erkenntnissen der Educational-Governance-Forschung deckt, die seit Jahren auf Verantwortungsschwächen in föderalen Bildungssystemen hinweist.
Dazu kommt eine Bürokratie, die Schulen zunehmend lähmt. Lehrkräfte und Schulleitungen verbringen immer mehr Zeit mit Formularen, Förderanträgen und Berichtspflichten. Studien des Deutschen Schulbarometers zeigen, dass Lehrkräfte inzwischen mehr als ein Drittel ihrer Arbeitszeit für Verwaltungstätigkeiten aufwenden. Was eigentlich im Mittelpunkt stehen sollte – guter Unterricht – wird dadurch verdrängt.
Besonders herausfordernd ist die Lage in Regionen mit hoher sozialer und sprachlicher Vielfalt. Viele Kinder kommen ohne ausreichende Deutschkenntnisse in die Schule, weil das Elternhaus die sprachliche Basis nicht vermitteln kann. Die bundesweiten Bildungstrends und die PISA-Studien belegen seit Jahren, dass fehlende Sprachkompetenz der stärkste Einzelprädiktor für Lernschwierigkeiten ist. Der Bildungserfolg hängt dabei von der sprachlichen Ausgangslage, der sozialen Herkunft und der Bildungsnähe des Elternhauses ab. Wenn dafür die Ressourcen fehlen, bleiben grundlegende Kompetenzen in Deutsch und Mathematik auf der Strecke – und genau das zeigen bundesweite Vergleichsstudien ebenso wie die internationalen PISA-Ergebnisse seit Jahren.
Gleichzeitig geraten die Kommunen als Sachaufwandsträger zunehmend an ihre finanziellen Grenzen. Der Deutsche Städte- und Gemeindebund weist regelmäßig darauf hin, dass Kommunen über 50 % der schulischen Infrastrukturkosten tragen, aber nicht ausreichend kompensiert werden. Viele Kommunen arbeiten längst im Krisenmodus: Investitionen werden verschoben, Sanierungen gestoppt, und dringend benötigte Modernisierungen bleiben liegen. Wenn die kommunale Ebene finanziell am Ende ist, kann das Bildungssystem nicht funktionieren. Dies trifft die für den Unterhalt von Kindergärten und Schulen zuständigen Städte und Gemeinden ebenso wie die Landkreise als Sachaufwandsträger der weiterführenden Schulen.
Parallel dazu leidet das System unter einer kulturellen Schieflage: Handwerkliche und praxisorientierte Berufe werden gesellschaftlich unterschätzt. Die Bundesagentur für Arbeit zeigt seit Jahren, dass über 60 % der Engpassberufe im handwerklichen oder technischen Bereich liegen. Trotzdem drängen viele Eltern, besonders auffällig in den südlichen Landkreisen Oberbayerns, ihre Kinder aufs Gymnasium, obwohl es keinen Zwang gibt, diesen Weg zu gehen. Das führt zu einer Überakademisierung, steigenden Studierendenzahlen, hohen Abbruchquoten und einer wachsenden Zahl von Absolventen, deren Qualifikationen nicht immer mit den Anforderungen des Arbeitsmarkts übereinstimmen. Ein Wasserkopf an „Akademikern“ steht demzufolge fehlenden Fachkräften in Industrie und Handwerk entgegen.
Ein weiteres Problem ist das sinkende Leistungsprinzip, durchgehend zu beobachten von der Grundschule bis hin zur Universität. Anforderungen werden abgesenkt, Bewertungen aufgeweicht und Rückmeldungen verlieren an Klarheit. Die Kultusministerkonferenz selbst bestätigt, dass die Kompetenzniveaus in Deutsch und Mathematik seit 2011 kontinuierlich sinken. Starke Schüler werden unterfordert, schwächere Schüler erhalten keine ehrliche Orientierung und notwenige Unterstützung. Gerade Schüler mit Defiziten aus bildungsfernen Haushalten nehmen Förderangebote zudem oftmals nicht an. Das System bleibt äußerlich stabil, verliert aber inhaltlich an Substanz. Die Absenkung von Anforderungen und die Ausweitung von Übergangsquoten führen faktisch dazu, dass mehr Schülerinnen und Schüler weiterführende Schulen besuchen – unabhängig davon, ob die Kompetenzniveaus stabil bleiben und die notwenige Reife hierfür gegeben ist. Das allgemeine Abitur, früher Hochschulreife, wird beispielsweise schon seit langem, und das vollkommen zurecht, nur noch Hochschulzugangsberechtigung genannt. Diese Entwicklung reicht bis an die Hochschulen und Universitäten, die immer lauter die Loslösung vom Diplomstudiengang hin zu Bachelor und Master beklagen.
Hinzu kommt ein tiefgreifender Wandel im Rollenverständnis von Lehrkräften. Studien der Universität Bielefeld zeigen, dass Lehrkräfte sich zunehmend als „Dienstleister“ oder „Moderatoren“ und kaum noch als Autoritätsperson wahrnehmen müssen, weil Eltern, Schulpsychologen und Anwälte immer häufiger pädagogische Entscheidungen infrage stellen. Lehrkräfte geraten dadurch in eine defensive Position: Sie sollen pädagogisch führen, dürfen aber oft nicht mehr frei entscheiden. Das schwächt die Schule als Institution und erschwert konsequentes, fachlich fundiertes Arbeiten im Klassenzimmer.
Der Lehrkräftemangel verschärft diese Lage zusätzlich. Laut KMK fehlen bundesweit über 25.000 Lehrkräfte, für Bayern in etwa 5.000 Lehrkräfte, besonders im Grund- und Mittelschulbereich. Tendenz steigend. Viele Schulen arbeiten längst am Limit, Klassen werden zusammengelegt, Förderangebote gestrichen, und Unterricht fällt aus. Statt gegenzusteuern, wird in manchen Regionen sogar ein Stellenmoratorium verhängt – neue Lehrkräfte dürfen nicht eingestellt werden, obwohl sie dringend gebraucht würden. Das zeigt deutlich, wie gering die politische Wertschätzung für Bildung oft ist. Diese fehlende Wertschätzung spüren Lehrkräfte täglich: in überfüllten Klassen, in steigenden Belastungen und in der Erwartung, immer mehr Aufgaben zu übernehmen, ohne die nötigen Rahmenbedingungen zu erhalten. Die Forschung zeigt klar: Ab etwa 22 Schülern pro Klasse sinkt die Lernwirksamkeit messbar. In Schulen mit hohem Sprachförderbedarf sind sogar noch kleinere Klassen notwendig – in vielen Großstädten ist aber genau das Gegenteil der Fall.
Parallel dazu steigen die psychischen Belastungen bei Kindern und Jugendlichen deutlich. Die COPSY-Studie des UKE belegt, dass psychische Auffälligkeiten seit 2019 um 30–40 % zugenommen haben. Schulen sehen sich immer häufiger mit Angststörungen, depressiven Symptomen und Konzentrationsproblemen konfrontiert. Dafür bräuchte es mehr Fachpersonal und klare Unterstützungsstrukturen – doch beides fehlt. Auch die Zahl der Kinder mit Legasthenie und anderen Teilleistungsstörungen nimmt zu. Der Nachteilsausgleich soll helfen, wird aber oft uneinheitlich umgesetzt. Lehrkräfte sind organisatorisch überfordert, Eltern verunsichert und die Verwaltung überlastet. So entsteht ein Spannungsfeld zwischen individueller Förderung und realisierbarer Umsetzung unter Beibehaltung der Chancen-gleichheit für alle.
Die Digitalisierung sollte Entlastung bringen, führt aber häufig zu neuen Problemen. Studien des Hasso-Plattner-Instituts zeigen, dass über 70 % der Schulen mit inkompatiblen Softwarelösungen arbeiten. Vieles wirkt wie Digitalisierung um ihrer selbst willen: Tablets und digitale Tafeln ersetzen keine gute Didaktik. Darüber hinaus zeigen zahlreiche Studien, dass digitale Ablenkung die Konzentrationsfähigkeit der Schüler senkt, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen mit ohnehin schon zu hohem Medienkonsum. Wenn digitale Medien keinen klaren Mehrwert gegenüber analogen Varianten bieten, sollten sie im Unterricht nicht eingesetzt werden. Die Einführung der verpflichtenden Tablet Klassen ist beispielsweise mehr Fluch als Segen. Selbst bei finanzieller Unterstützung durch den Freistaat sind in Bayern die Eltern zu einer Eigenbeteiligung von ca. 300 Euro gezwungen. Dabei ersetzt das Tablet weder die Schulbücher, da hierfür teure Onlinelizenzen der Verlage notwendig wären, noch ist ein gewinnbringender Einsatz durch sinnvolle Lernsoftware durchgängig gewährleistet.
All diese Faktoren haben direkte Auswirkungen auf die Gesellschaft. Ungleichheit wächst, ländliche Regionen geraten ebenso wie Ballungsräume mit hohem Sprachförderbedarf ins Hintertreffen und der Fachkräftemangel verschärft sich. Wenn berufliche Bildung weiterhin unterschätzt wird, das Leistungsniveau sinkt und Lehrkräfte überlastet sind, verliert das gesamte Bildungssystem an Glaubwürdigkeit und Sinnhaftigkeit.
Fazit
Eine echte Reform muss deshalb einfach, klar und praxisnah sein: weniger Bürokratie, mehr kommunale Verantwortung, eine ehrliche Rückkehr zu klaren Leistungsmaßstäben, kleinere Klassen, eine Stärkung der beruflichen Bildung und eine Digitalisierung, die den Unterricht wirklich verbessert. Nur dann können Schulen ihren Kernauftrag erfüllen: Kindern und Jugendlichen die Kompetenzen zu vermitteln, die sie für ihr Leben brauchen.
Bild: Pixabay
