Was ist bei euch los?
Über den Blick unserer Freunde auf Deutschland und die Zukunft Bayerns
Ein Essay von Pfr. Ludwig Westermeier (Gastbeitrag)
In den vergangenen Wochen habe ich ungewöhnlich viele Menschen aus anderen europäischen Ländern getroffen. Bei uns in Kirchanschöring waren Gäste aus Polen und Frankreich zu Besuch. Priester, Menschen aus den Gemeinden und Vertreter der Kommunalpolitik. Wenig später war ich selbst mit Jugendlichen auf einer Hilfstour im Kosovo und in Albanien unterwegs.
Es waren ganz unterschiedliche Menschen, mit unterschiedlichen Lebensgeschichten, politischen Vorstellungen und Erfahrungen. Und doch gab es etwas, das sich durch viele dieser Begegnungen zog. Es waren nicht die offiziellen Gespräche, die mir besonders im Gedächtnis geblieben sind. Viel aufschlussreicher waren die Gespräche nebenbei: beim Essen, während einer Fahrt oder abends, wenn das eigentliche Programm längst beendet war. Früher oder später kamen wir fast immer auf Deutschland zu sprechen.
Und dann hörte ich eine Frage, die mich seither nicht mehr ganz loslässt:
„Was ist eigentlich bei euch los?“
Warum wirkt ein Land, das man lange mit Stabilität, wirtschaftlicher Stärke und Verlässlichkeit verbunden hat, plötzlich so verunsichert? Warum scheint Deutschland manche Probleme nicht mehr so selbstverständlich in den Griff zu bekommen wie früher? Und vor allem: Kann man sich auch in Zukunft darauf verlassen, dass Deutschland der Partner bleibt, als den man es bisher kennengelernt hat?
Natürlich weiß ich, dass man aus einigen persönlichen Gesprächen keine allgemeingültigen politischen Schlussfolgerungen ziehen kann. Deutschland hat Probleme, andere Länder haben ebenfalls Probleme. Wer durch Polen, Frankreich, Albanien oder Kosovo reist, wird dort ebenso politische Konflikte, wirtschaftliche Schwierigkeiten, Bürokratie und gesellschaftliche Spannungen finden.
Gerade deshalb haben mich diese Gespräche beschäftigt.
Denn die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, waren keine Gegner Deutschlands. Im Gegenteil. Viele hatten persönliche Beziehungen zu unserem Land, kannten Bayern, hatten Freunde hier oder arbeiteten seit Jahren mit Deutschen zusammen. Ihre Fragen waren deshalb nicht von Schadenfreude geprägt. Es war eher die Verwunderung eines Freundes, der einen lange kennt und irgendwann innehält und fragt:
Was geschieht gerade mit euch?
Eine solche Begegnung hätte ich vielleicht schnell wieder vergessen. Wenn aber Menschen aus mehreren Ländern innerhalb weniger Wochen unabhängig voneinander ähnliche Fragen stellen, beginnt man nachzudenken.
Ich wollte deshalb wissen, ob meine Erfahrungen nur Zufall waren. Ich habe versucht, auch andere Stimmen zu hören und ausdrücklich nicht nur jene, die meine eigenen Eindrücke bestätigen. Denn für fast jede politische Behauptung findet man irgendwo einen Kommentar, der sie bestätigt. Interessanter ist es, die Gegenstimmen wahrzunehmen und den Blick jener Menschen einzubeziehen, die von Polen, Frankreich, Kosovo oder Albanien aus auf Deutschland schauen.
Das Ergebnis ist keineswegs, dass Deutschland im Ausland plötzlich schlecht angesehen wäre. Eine solche Behauptung wäre falsch.
Deutschland genießt weiterhin Vertrauen und besitzt gerade in Mittel-, Ost- und Südosteuropa große Bedeutung. Frankreich bleibt trotz aller Spannungen der zentrale Nachbar und europäische Partner. Was sich meines Erachtens aber verändert hat, ist etwas anderes:
Der Blick auf Deutschland ist nüchterner geworden.
Die Selbstverständlichkeit, mit der Deutschland lange mit wirtschaftlicher Stärke, funktionierender Verwaltung, politischer Berechenbarkeit und Ordnung verbunden wurde, ist nicht mehr überall vorhanden. In Frankreich wird inzwischen offener gefragt, ob Deutschland tatsächlich noch das Modell ist, an dem man sich orientieren sollte. In Polen begegnet einem ein neues Selbstbewusstsein gegenüber dem westlichen Nachbarn. Und im Kosovo wird sehr genau beobachtet, wie sich Deutschland politisch verändert. Nicht aus bloßer Neugier, sondern weil Deutschlands Stabilität und Haltung auch für kleinere europäische Staaten von Bedeutung sein können.
Wenn der Nachbar selbstbewusster wird
Besonders interessant finde ich dabei Polen.
Noch vor wenigen Jahrzehnten war das Verhältnis zwischen Deutschland und Polen stark von einem wirtschaftlichen Gefälle geprägt. Für viele Polen lag der Westen dort, wo Wohlstand, moderne Infrastruktur und gut bezahlte Arbeit zu finden waren. Doch Polen hat sich verändert und zwar grundlegend.
Wer heute durch Warschau, Krakau, Breslau oder Danzig fährt, erlebt ein anderes Land als noch vor dreißig Jahren. Polen kann mit Recht stolz auf seine Entwicklung sein. Und wenn ein Land selbstbewusster wird, verändert sich zwangsläufig auch sein Blick auf den Nachbarn.
Man schaut nicht mehr nur bewundernd über die Grenze. Man beginnt zu vergleichen.
Was funktioniert bei uns besser? Was funktioniert beim anderen besser? Wo sind wir inzwischen vielleicht sogar weiter?
Deutschland bleibt wichtig. Aber Deutschland ist nicht mehr automatisch der Maßstab, an dem alles gemessen wird.
Auch Frankreich blickt anders auf Deutschland. Allerdings aus einer anderen Ausgangslage. Franzosen und Deutsche haben sich nie einfach in einem Verhältnis von Vorbild und Nachahmer gegenübergestanden. Sie haben sich vielmehr über Jahrzehnte auf Augenhöhe miteinander verglichen: manchmal mit Bewunderung, manchmal mit Konkurrenz und nicht selten mit gegenseitiger Skepsis.Gerade deshalb ist es bemerkenswert, wenn das deutsche Modell in Frankreich nicht mehr automatisch als überzeugende Antwort gilt. Gleichzeitig gibt es dort weiterhin viele Menschen, die Deutschland schätzen und die deutsch-französische Freundschaft für unverzichtbar halten.
Beides kann gleichzeitig wahr sein.
Man kann ein Land mögen und dennoch seine Entwicklung kritisch hinterfragen. Vielleicht ist genau das sogar die ehrlichere Form von Freundschaft.
Wenn Deutschlands Stabilität für andere wichtig wird.
Im Kosovo bekommt die Frage nach Deutschlands Zukunft noch einmal eine andere Dimension.
Deutschland ist dort für viele Menschen kein fernes Land irgendwo in Mitteleuropa. Viele haben Verwandte oder Freunde in Deutschland, haben selbst dort gelebt oder gearbeitet oder verfolgen die deutsche Politik sehr aufmerksam. Deutschland wurde über lange Zeit mit Stabilität und Verlässlichkeit verbunden.
Deshalb hat die Frage, ob sich bei uns etwas verändert, dort ein besonderes Gewicht.
Wenn Deutschlands politische Haltung oder seine Stabilität sich verändert, könnte das auch Auswirkungen auf Länder haben, die auf die Unterstützung europäischer Partner angewiesen sind. Man muss diese Befürchtung nicht teilen, um ihren Ursprung zu verstehen.
Ein Mensch im Kosovo beschäftigt sich mit der politischen Entwicklung Deutschlands, weil er glaubt, dass Deutschlands Stabilität auch für seine eigene Zukunft Bedeutung haben könnte.
Das ist ein bemerkenswerter Gedanke.
Wir Deutschen sprechen über wirtschaftliche Stärke, politische Verlässlichkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt häufig so, als wären das ausschließlich unsere eigenen inneren Angelegenheiten. Für andere Menschen sind sie das nicht.
Auch in Albanien ist das Bild Deutschlands grundsätzlich positiv. Deutschland steht dort für Arbeit, Ausbildung und die Möglichkeit, sich etwas aufzubauen. Gleichzeitig ist auch dieser Blick nüchterner geworden. Menschen fragen genauer danach, was von einem höheren Einkommen tatsächlich übrig bleibt, wie hoch Mieten und Lebenshaltungskosten sind und ob Deutschland tatsächlich noch das Land der Möglichkeiten ist, als das es lange wahrgenommen wurde.
Ein Satz ist mir dabei besonders im Gedächtnis geblieben:
„Gjermania nuk o si perpara“ – Deutschland ist nicht mehr wie früher.
Natürlich beweist ein einzelner Satz nichts über ein ganzes Land. Aber er macht eine Erwartung sichtbar. Denn man kann nur sagen, dass etwas „nicht mehr wie früher“ ist, wenn man eine Vorstellung davon besitzt, wie es früher gewesen war. Deutschland hat lange von einem solchen Ruf gelebt: von der Vorstellung eines Landes, das funktioniert, in dem Leistung zählt und in dem Regeln vielleicht streng, aber wenigstens berechenbar sind.
Und was bedeutet das für Bayern?
Je länger ich über diese Gespräche nachgedacht habe, desto stärker hat mich allerdings eine andere Frage beschäftigt.
Ich bin Bayer.
Ich lebe hier, arbeite hier und erlebe jeden Tag, was unsere Gemeinden, Dörfer und Familien zusammenhält. Deshalb genügt mir die Frage nicht, was in Deutschland gerade richtig oder falsch läuft. Ebenso wenig reicht mir die Frage, wie unsere Nachbarn darüber denken.
Die entscheidende Frage lautet für mich:
Welches Bayern wollen wir unseren Kindern und Enkeln hinterlassen?
Natürlich ist Bayern Teil Deutschlands. Entscheidungen in Berlin und Brüssel wirken bis in unsere Gemeinden hinein. Aber daraus folgt nicht, dass wir bei jeder politischen oder gesellschaftlichen Entwicklung nur Zuschauer sein müssen.
Bayern besitzt eine eigene Geschichte, eine eigene politische Tradition und eine starke kommunale Struktur. Unser Selbstverständnis ist älter als die Bundesrepublik. Deshalb dürfen wir uns auch fragen, was wir selbst gestalten können.
Wenn Menschen von Bayern sprechen, denken viele zunächst an Lederhose und Dirndl, an Bier und Oktoberfest, an Neuschwanstein und die Alpen, an Blasmusik, Fußball und vielleicht an BMW.
Das sind Klischees. Aber Klischees entstehen nicht aus dem Nichts.
Bayern besitzt auch im Ausland ein eigenes Gesicht. Viele Menschen, die Deutsche kaum voneinander unterscheiden können, kennen Bayern. Hinter den touristischen Bildern steckt etwas, das über Folklore hinausgeht: die Wahrnehmung einer Region, die ihre Eigenart bewahrt hat.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob wir diese Eigenart konservieren wollen.
Die Frage ist, warum sie entstanden ist und wie wir sie in die Zukunft führen können.
Wenn ich an Bayern denke, denke ich jedenfalls nicht zuerst an Neuschwanstein. Ich denke an unsere Dörfer. An die Freiwillige Feuerwehr, bei der jemand nachts aufsteht, wenn es beim Nachbarn brennt, obwohl er am nächsten Morgen wieder arbeiten muss. An den Sportverein, in dem jemand am Samstag den Platz herrichtet, ohne dafür eine Rechnung zu schreiben. An die Musikkapelle, an die Nachbarschaft, an die Pfarrgemeinde. An Bauern, Handwerker und Unternehmer, deren persönlicher Ruf unmittelbar mit der Qualität ihrer Arbeit verbunden ist.
Ich denke an Menschen, die Verantwortung übernehmen, obwohl sie eigentlich längst genug zu tun hätten.
Diese Strukturen existieren nicht überall und nicht immer. Aber dort, wo es sie gibt, sind sie wahrscheinlich für die Stabilität unseres Landes wichtiger, als wir manchmal wahrhaben wollen. Denn ein Gemeinwesen lebt nicht allein von Gesetzen und Geld.
Es lebt davon, dass Menschen sich zuständig fühlen. Wenn jemand sagt: „Das geht mich etwas an“, beginnt Gemeinschaft.
Und genau diese Gemeinschaft ist verletzlich. Sie verschwindet selten plötzlich. Sie wird meistens langsam schwächer. Erst schließt vielleicht der Metzger, weil sich kein Nachfolger findet. Dann der Bäcker. Das Wirtshaus öffnet nur noch an wenigen Tagen und irgendwann gar nicht mehr. Ein Bauernhof wird aufgegeben. Im Verein findet sich niemand mehr für den Vorstand. Bei der Feuerwehr fehlen Aktive.
Äußerlich kann ein Dorf dabei weiterhin wunderbar aussehen. Die Häuser sind renoviert, die Straßen sauber, die Kirche steht noch und im Mai steht vielleicht sogar der Maibaum.
Aber das Netz zwischen den Menschen kann trotzdem dünner geworden sein. Und wenn dieses Netz reißt, hilft uns keine noch so schöne Imagekampagne über bayerische Heimat.
Heimat ist mehr als Folklore
Deshalb ist Heimatpolitik für mich mehr als Tracht, Brauchtum und Denkmalpflege. Natürlich gehören diese Dinge dazu. Aber sie sind nur die sichtbare Oberfläche.
Heimat entscheidet sich auch daran, ob ein kleiner Handwerksbetrieb unter vernünftigen Bedingungen weiterarbeiten kann. Ob ein Bauer noch eine Perspektive für seinen Hof besitzt. Ob junge Familien eine Wohnung finden. Ob eine Gemeinde genügend Spielraum hat, ihre eigenen Probleme zu lösen.
Und damit kommen wir zu einem Gedanken, der heute vielleicht moderner ist, als er klingt:
Was vor Ort entschieden werden kann, soll auch vor Ort entschieden werden.
In der katholischen Soziallehre heißt dieser Gedanke Subsidiarität. Der Begriff klingt sperrig, die Idee dahinter ist ausgesprochen bodenständig: Die größere Einheit soll der kleineren helfen, wenn diese eine Aufgabe nicht allein bewältigen kann. Sie soll ihr aber nicht wegnehmen, was sie selbst leisten kann.
Das beginnt bei der Familie, setzt sich in der Gemeinde fort und gilt ebenso für Regionen und Staaten.
Für Bayern bedeutet das: Wir brauchen nicht für jedes Problem eine Regelung aus Berlin oder Brüssel. Manchmal brauchen wir schlicht mehr Vertrauen in die Menschen, die die Situation vor Ort kennen.
Ein Bürgermeister kennt seine Gemeinde. Ein Gemeinderat kennt die örtlichen Verhältnisse. Ein Unternehmer kennt seinen Betrieb, ein Landwirt seinen Hof, ein Vereinsvorsitzender seine Mitglieder.
Für diese Menschen ist eine Region keine Zahl in einer Statistik.
Sie ist ihr Lebensraum.
Deshalb darf Bayern auch mehr sein als Deutschland im Kleinformat. Föderalismus hat nur dann einen Sinn, wenn Unterschiede möglich sind. Wenn sechzehn Bundesländer am Ende überall dasselbe tun und nur noch Vorgaben anderer Ebenen verwalten, stellt sich die Frage, wozu wir diese Strukturen überhaupt brauchen.
Bayern darf eigene Antworten suchen: bei Bildung, Verwaltung, Landwirtschaft, Kultur, Digitalisierung und regionaler Entwicklung.
Das ist keine Absage an Deutschland. Im Gegenteil: Ein föderaler Staat wird gerade dadurch stark, dass unterschiedliche Regionen Verantwortung übernehmen, unterschiedliche Lösungen ausprobieren und voneinander lernen.
Eigenständigkeit bedeutet nicht, alles selbst erfinden zu müssen.
Eigenständigkeit bedeutet, Verantwortung für die eigenen Entscheidungen zu übernehmen.
Verwurzelt und trotzdem modern
Dabei dürfen wir allerdings nicht dem Irrtum erliegen, früher sei alles besser gewesen.
Niemand muss Bayern zurück in die fünfziger Jahre führen. Bayern ist heute eine wirtschaftlich und technologisch bedeutende Region Europas. Wenn wir diese Stellung behalten wollen, brauchen wir Forschung, Digitalisierung, moderne Medizin, leistungsfähige Universitäten, künstliche Intelligenz und internationale Unternehmen.
Aber warum sollte das im Widerspruch zu regionaler Identität stehen? Warum sollte ein junger Mensch nicht Software entwickeln und gleichzeitig Dialekt sprechen können?
Warum sollte eine Ingenieurin nicht in einem weltweit tätigen Unternehmen arbeiten und gleichzeitig im örtlichen Musikverein spielen?
Warum sollte ein Landwirt nicht modernste Technik einsetzen und trotzdem wissen, weshalb am Rand seines Feldes ein altes Wegkreuz steht?
Heimat ist kein Museum.
Sie bleibt nur lebendig, wenn Menschen sie weiterentwickeln. Gerade unsere Begegnungen mit Menschen aus anderen Ländern zeigen außerdem, dass Heimatverbundenheit und Offenheit keine Gegensätze sein müssen.
Im Kosovo und in Albanien habe ich eine Gastfreundschaft erlebt, von der wir uns manchmal eine Scheibe abschneiden könnten. Dort wird zusammengerückt, ein zusätzlicher Teller auf den Tisch gestellt und nicht lange gefragt, wer eigentlich zuständig ist.
Gleichzeitig sind Familie, Herkunft und Heimat dort für viele Menschen selbstverständlich wichtig.
Auch Polen besitzt ein starkes Bewusstsein für die eigene Geschichte. Frankreich für Sprache und Kultur.
Keines dieser Länder wird allein deshalb fremdenfeindlich, weil es seine eigene Identität ernst nimmt. Warum sollte das für Bayern anders sein?
Vielleicht ist sogar das Gegenteil richtig: Wer weiß, wo er selbst steht, kann dem anderen gelassener begegnen.
Unsicherheit über die eigene Identität schafft nicht automatisch Offenheit. Manchmal schafft sie Angst.
Ein Bayern, das offen bleibt, ohne beliebig zu werden
Damit gehört auch die Integration unmittelbar zur Frage nach dem Bayern der Zukunft.
Menschen werden zu uns kommen, weil wir Arbeitskräfte brauchen, weil sie hier studieren, weil sie sich verlieben oder weil sie sich ein besseres Leben aufbauen wollen. Natürlich wird sich Bayern dadurch verändern.
Die entscheidende Frage ist nicht, ob es sich verändert. Die entscheidende Frage ist, wo hinein Menschen wachsen können.
Integration wird schwierig, wenn die aufnehmende Gesellschaft selbst nicht mehr sagen kann, was ihr wichtig ist. Wer bei uns lebt, muss keinen Trachtenverein besuchen und keinen bayerischen Dialekt sprechen. Aber wir dürfen erwarten, dass unsere Sprache gelernt, unsere Rechtsordnung respektiert und Verantwortung für die gemeinsame Gesellschaft übernommen wird.
Gleichzeitig müssen auch wir bereit sein, Menschen wirklich aufzunehmen und sie nicht über Jahre hinweg als Fremde zu behandeln.
Heimat kann wachsen, ohne beliebig zu werden.
Vielleicht liegt genau darin eine wichtige Lehre aus unseren europäischen Begegnungen.
Polen zeigt uns, wie viel möglich ist, wenn ein Land Vertrauen in die eigene Kraft entwickelt. Frankreich erinnert uns daran, dass Sprache und Kultur keine Nebensachen sind. Im Kosovo wird deutlich, welchen Wert Frieden, Sicherheit und staatliche Verlässlichkeit besitzen, wenn sie nicht selbstverständlich sind. Und Albanien führt uns vor Augen, welche Kraft persönliche Beziehungen und Gastfreundschaft entfalten können.
Keines dieser Länder ist perfekt. Es geht auch gar nicht darum, andere Länder zu idealisieren.
Wer reist, um anderen erklären zu können, was sie von uns lernen sollen, hat den Sinn einer Begegnung nicht verstanden.
Wer reist, sollte auch bereit sein, selbst zu lernen.
Wie soll Bayern 2040 oder 2050 aussehen?
Vielleicht sollten wir deshalb viel häufiger über diese Frage sprechen.
Nicht als weiteres politisches Zehn-Punkte-Programm. Nicht als Sammlung von Wahlversprechen. Sondern zunächst als einfache Frage:
Was für ein Land wollen wir sein?
Ich wünsche mir ein Bayern, das wirtschaftlich stark und technologisch führend bleibt, dabei aber seine ländlichen Räume nicht aufgibt.
Ein Bayern mit hervorragenden Schulen und Hochschulen, in dem eine gute Berufsausbildung ebenso angesehen ist wie ein Studium.
Ein Bayern, in dem Landwirtschaft eine Zukunft hat und nicht irgendwann nur noch als schöne Kulisse für Urlauber existiert.
Ein Bayern, in dem Familien leben können, ohne dass Wohnen zum Luxus wird.
Ein Bayern, in dem Unternehmen investieren, weil Regeln verständlich und Entscheidungen berechenbar sind.
Ich wünsche mir Städte, die lebenswert bleiben, und Dörfer, in denen Menschen nicht nur schlafen, sondern miteinander leben.
Zu diesem Bayern gehört für mich auch, dass wir unsere christlichen Wurzeln nicht verstecken.
Das bedeutet nicht, dass jeder Bayer katholisch sein muss. Und es bedeutet schon gar nicht, dass der Staat Menschen einen Glauben vorschreiben darf.
Aber unsere Kultur, unser Menschenbild, viele unserer Feste, unsere sozialen Einrichtungen und selbst unsere Landschaft sind ohne das Christentum nicht zu verstehen.
Ein Kind sollte auch in dreißig Jahren noch wissen dürfen, warum auf einem Berggipfel ein Kreuz steht und weshalb in seinem Dorf an Fronleichnam eine Prozession stattfindet.
Wer seine Geschichte kennt, wird nicht automatisch intolerant.
Im Gegenteil: Eine offene Gesellschaft sollte selbstbewusst genug sein, ihre eigenen Wurzeln zu kennen und gleichzeitig die Freiheit anderer zu achten.
Dazu gehört auch ein neues Verhältnis von Freiheit und Verantwortung.
Der Staat ist in den vergangenen Jahrzehnten in immer mehr Lebensbereiche hineingewachsen. Vieles davon geschah aus guten Gründen. Regeln schützen Menschen, Sozialleistungen helfen in Notlagen, staatliche Kontrolle verhindert Missbrauch.
Aber auch Fürsorge kann irgendwann zur Bevormundung werden. Und notwendige Verwaltung kann sich in einem Dickicht von Vorschriften verlieren, in dem niemand mehr weiß, weshalb eine Regel eigentlich existiert.
Vielleicht könnte Bayern hier einen eigenen Anspruch formulieren:
Der Staat soll stark sein, wo er gebraucht wird – aber zurückhaltend, wo Menschen ihre Angelegenheiten selbst vernünftig regeln können.
Das wäre keine Schwäche des Staates. Es wäre Vertrauen in seine Bürger.
Nicht jammern, sondern Verantwortung übernehmen
Je länger ich über die Gespräche der vergangenen Wochen nachdenke, desto weniger interessiert mich deshalb ein weiterer Text darüber, was in Deutschland alles schlecht läuft.
Dafür gibt es genügend Kommentatoren. Und Jammern ist noch keine politische Idee. Viel wichtiger ist die Frage, was wir selbst besser machen können. Wir werden nicht jede Entwicklung in Deutschland verändern. Wir werden nicht jede Entscheidung Europas bestimmen. Aber wir können entscheiden, wie ernst wir unsere eigene Verantwortung nehmen.
Wir können unsere Kommunen stärken. Wir können Vereine und Ehrenamt ernst nehmen. Wir können regionale Wirtschaftskreisläufe unterstützen. Wir können Landwirtschaft und Handwerk nicht nur in Sonntagsreden loben, sondern ihnen tatsächlich vernünftige Rahmenbedingungen geben. Und wir können aufhören, uns einzureden, dass Eigenständigkeit etwas Rückwärtsgewandtes sei. Ein Baum wird schließlich nicht moderner, wenn man seine Wurzeln abschneidet. Er kann neue Äste nur deshalb bilden, weil er verwurzelt ist.
Mit einem Land ist es ähnlich.
Bayern war immer dann besonders stark, wenn es scheinbare Gegensätze miteinander verbunden hat: bäuerliche Tradition und industrielle Entwicklung, regionale Verwurzelung und internationale Märkte, starke Gemeinden und einen leistungsfähigen Staat. Das müssen wir nicht aufgeben. Wir müssen Bayern auch nicht unter eine Glasglocke stellen.
Wir müssen es weiterentwickeln. Aus dem heraus, was dieses Land stark gemacht hat.
Was sollen unsere Freunde von uns sagen?
Am Ende denke ich wieder an die Menschen zurück, mit denen ich in den vergangenen Wochen gesprochen habe. An unsere Gäste aus Polen und Frankreich. An die Begegnungen im Kosovo und in Albanien. Nicht jede ihrer Einschätzungen über Deutschland teile ich. Manches ist vielleicht übertrieben, manches sehen wir anders, manches lässt sich von außen schwer beurteilen.
Trotzdem bin ich dankbar für diese Gespräche. Denn Freunde sind nicht dazu da, uns ständig zu bestätigen.
Manchmal halten sie uns einen Spiegel hin.
Und wenn uns das Bild darin nicht gefällt, sollten wir nicht zuerst darüber diskutieren, ob der Spiegel schuld daran ist. Ich wünsche mir, dass Deutschland auch in Zukunft ein freies, friedliches, wirtschaftlich starkes und vor allem verlässliches Land bleibt. Gerade unsere Freunde im Ausland zeigen uns, dass diese Verlässlichkeit nicht nur für uns selbst wichtig ist. Aber als Bayer möchte ich dort nicht stehen bleiben.
Mich beschäftigt mindestens genauso sehr, welches Bayern wir unseren Kindern und Enkeln hinterlassen. Ein Bayern, das seine Eigenart nur noch auf Werbeplakaten zeigt?
Oder eines, das sie im Alltag lebt? Ein Bayern, das bei jedem Problem zuerst fragt, wer anderswo dafür zuständig ist?
Oder eines, das wieder mehr Verantwortung selbst übernimmt? Ein Land, das vor Veränderungen Angst hat?
Oder eines, das selbstbewusst genug ist, Veränderungen zu gestalten, ohne dabei alles über Bord zu werfen, was sich über Generationen bewährt hat?
Vielleicht werden unsere Freunde aus Polen und Frankreich in einigen Jahren wieder zu Besuch kommen. Vielleicht werden wir wieder im Kosovo oder in Albanien zusammensitzen. Bis dahin wird sich vieles verändert haben.
Ich hoffe aber, dass etwas geblieben ist.
Dass Bayern ein Land ist, in dem Menschen gerne leben. Ein Land, in dem Gemeinschaft mehr bedeutet als eine schöne Überschrift. Ein Land, in dem ein gegebenes Wort noch etwas gilt. Ein Land, in dem Fortschritt nicht verlangt, die eigene Herkunft zu vergessen.
Wenn unsere Freunde dann auf uns schauen, müssen sie Bayern nicht für perfekt halten. Das sind wir nicht. Und wir waren es nie.
Aber es wäre viel gewonnen, wenn sie sagen könnten:
Die Bayern wissen noch, wer sie sind.
Sie packen ihre Probleme an.
Und auf sie kann man sich verlassen.
Vielleicht ist genau das die Aufgabe, vor der wir stehen. Nicht ständig darüber zu reden, wie großartig Bayern einmal war.
Sondern dafür zu sorgen, dass es auch morgen ein Land bleibt, auf das wir mit gutem Grund stolz sein können.
Bildquelle: Sammy-Sander auf Pixabay
