Wie der Stupser zur Waffe wurde — und niemand es bemerkte

Ein Nobelpreis für die Entdeckung, dass Menschen steuerbar sind.

Man nannte es Nudging. Man meinte: Wir wissen, was gut für dich ist und wir bauen dir eine Welt, in der du gar nicht anders kannst, als es zu wollen. Kein Zwang. Keine Peitsche. Nur die Möhre und der Käfig, den niemand sieht. Wie aus einem harmlosen Gedanken die wirksamste Steuerungstechnik der Gegenwart wurde. Und warum das vierte und letzte Mittel dieser Technik nicht Geld kostet sondern das Gefühl, ein guter Mensch zu sein.

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Richard Thaler bekam 2017 den Nobelpreis für die Entdeckung, dass Menschen dumm sind. Man nannte es eleganter. Man sprach von begrenzter Urteilsfähigkeit, von der Kunst, die Umgebung so zu gestalten, dass der Mensch das Richtige tut ohne es zu merken. Die Welt jubelte. Regierungen richteten eigene Abteilungen dafür ein. Berater wurden reich. Und das Wort Stupser wanderte in den Wortschatz von Regierungen.

Was dabei keiner laut sagte: Ein Stupser ist nur so harmlos wie die Hand, die ihn gibt.

Der Freischuss oder: Die erste Lektion in angewandter Unterwerfung

Es gab einmal ein Jurastudium, das den Menschen ernst nahm. Wer die Prüfung vergeigte, war draußen. Wer zehn Jahre brauchte, brauchte eben zehn Jahre. Das war brutal. Das war klar. Das war, mit einem Wort, ehrlich.

Dann kam der Freischuss.

Wer sein erstes Staatsexamen in der Regelstudienzeit ablegte, durfte es wiederholen, wenn es schiefging. Eine zweite Chance. Eine Geste der Großzügigkeit. Kein Mensch war gezwungen, sie anzunehmen. Und kein Mensch konnte es sich leisten, sie auszuschlagen. Denn wer das Angebot ablehnte, wer sich die Zeit nahm, die er brauchte, wer las, was ihn interessierte, wer lebte, bevor er funktionierte, der riskierte seine einzige Chance. Der Bummelstudent wurde zum Taktiker. Der freie Geist zur Rechenmaschine.

Kein Gesetz hatte ihn gezwungen. Das Angebot hatte es getan.

Dies war, ohne dass jemand den Begriff kannte, der erste große Stupser der deutschen Bildungsgeschichte. Und er funktionierte tadellos.

Thaler, Sunstein und die Architektur des Gehorsams

Richard Thaler und Cass Sunstein, zwei Männer von unbestreitbarer Klugheit und vermutlich guten Absichten, haben in ihrem Buch „Nudge“ eine Idee in die Welt gesetzt, die seither fleißig missbraucht wird. Ihre These war einfach: Da der Mensch ohnehin nicht vernunftgemäß entscheidet, sollte man seine Entscheidungsumgebung so gestalten, dass er zumindest vernünftig scheitert. Das Gemüse vorne in der Kantine. Der Organspendeausweis als Voreinstellung. Der Sparplan, der läuft, bis man ihn abbestellt. Die Impfung die schützt.

Sie nannten es freiheitlichen Väterlichkeit, einen Begriff, der sich selbst widerspricht wie kaum ein zweiter. Und darin liegt seine ganze Wahrheit. Freiheitlich: Du darfst Nein sagen. Väterlich: Wir wissen, was Ja ist.

Solange die Hand, die stupst, wohlwollend ist, mag man darüber hinwegsehen. Die Frage, die Thaler und Sunstein zu wenig gestellt haben, lautet: Was geschieht, wenn diese Hand aufhört, wohlwollend zu sein? Was geschieht, wenn der Stupser nicht mehr erleichtert, sondern selektiert? Wenn er nicht mehr hilft, sondern bestraft?

Man nennt es dann nicht mehr Stupser. Man hat noch kein Wort dafür. Es geschieht einfach.

Die vier Stufen des sanften Käfigs

Die erste Stufe: Der wohlwollende Stupser

Hier hätte Thaler noch zugestimmt. Das Gemüse vor dem Fleisch. Der Energiesparknopf leuchtet grün. Die Treppe ist schöner gestaltet als der Aufzug. Niemand wird gezwungen. Niemand wird ausgeschlossen. Bevormundung war immer da. Sie hat früher nur ehrlicher ausgesehen.

Die zweite Stufe: Der ökonomische Druck

Sie ist weniger gemütlich. Wer das falsche Auto fährt, zahlt. Wer das falsche Haus hat, zahlt. Wer analog lebt, zahlt. In Gebühren, in Zeit, im wachsenden Unverständnis einer Behörde, die seinen Brief nicht mehr versteht. Das ist keine Weltanschauung. Das ist eine Preisliste. Und Preislisten sind gerecht, solange alle zahlen können.

Die dritte Stufe: Der soziale Ausschluss

Hier kostet die Abweichung keine Gebühr mehr. Sie entzieht etwas, das sich nicht kaufen lässt: die Zugehörigkeit. Wer nicht mitmacht, wird nicht bestraft. Er wird nicht mehr wahrgenommen. Er rutscht aus dem Bild, aus der Gemeinschaft. Still, geräuschlos, ohne Aktennotiz. Die Gesellschaft hat gelernt, sich ihrer Andersdenkenden nicht durch Ausschluss zu entledigen, sondern durch Ächtung und Bedeutungslosigkeit. Das ist wirksamer. Und es hinterlässt keine Spuren.

Die vierte Stufe: Die Moralisierung

Das ist die, über die am wenigsten gesprochen wird, weil sie am schwersten zu greifen ist. Hier geht es nicht mehr um Geld oder Zugehörigkeit. Hier geht es um die Frage, ob du ein guter Mensch bist.

Der Moralismus ist die Vollendung des Stupses, weil sie keine äußere Strafe mehr braucht. Du bestrafst dich selbst. Du fragst dich nachts, ob du das Richtige getan hast. Du kennst die Antwort bereits. Sie wurde dir eingepflanzt, bevor du die Frage gestellt hast.

Wer impft, ist verantwortungsvoll. Wer gendert, ist aufgeklärt. Wer das E-Auto fährt, ist zukunftsorientiert. Wer Überstunden macht, ist engagiert. Die Kehrseite ist nie ausgesprochen, aber immer mitgemeint. Die Ausgrenzung braucht kein Gesicht mehr. Sie ist in der Sprache bereits eingebaut.

Der Philosoph wusste es

Michel Foucault hat in den 1970er Jahren beschrieben, was er die Kunst der Menschenführung nannte: die Fähigkeit, Menschen so zu regieren, dass sie sich selbst regieren. Keine Gewalt. Keine sichtbare Macht. Nur Regeln, die so tief eingeschrieben sind, dass der Mensch sie für seinen eigenen Willen hält.

Der Stupser ist die technische Vollendung dieser Idee. Er setzt nicht auf Angst, sondern auf Bequemlichkeit. Er setzt nicht auf Strafe, sondern auf Reibung. Wer mitmacht, gleitet. Wer nicht mitmacht, reibt sich an Formularen, Gebühren, Blicken, Schweigen, Ausgrenzung.

Wir haben gelernt, uns zu kontrollieren, bevor es nötig ist. Wir passen uns an, bevor jemand fragt. Wir glauben, frei zu sein und haben längst verlernt, wozu Freiheit gut wäre.

Das Tier, das man mit der Peitsche treibt, weiß, dass es getrieben wird. Der Esel, das der Möhre folgt, hält sich für frei.

Der Käfig hat keine Gitter

Die Vollendung der erzwungenen Freiwilligkeit liegt darin, dass sie sich selbst unsichtbar macht. Es gibt keine Verordnung, gegen die man klagen könnte. Keinen Paragrafen, den man anfechten könnte. Keinen Täter, den man benennen könnte. Es gibt nur die Summe tausender kleiner Angebote, die zusammen eine Welt ergeben, in der bestimmte Menschen leben und andere nicht.

Wer schupst, wird es nicht zugeben. Wer drängt, nennt es Förderung. Wer bevormundet, nennt es Fürsorge. Wer steuert, nennt es Angebot. Auf Einsicht zu warten ist keine Haltung. Es ist Unterwerfung mit längerer Anlaufzeit. Was bleibt, ist das Einzige, das immer geblieben ist: laut sein. Aufzeigen. Benennen. Den Stoßer beim Namen nennen, auch wenn alle sagen, er sei doch nur gut gemeint gewesen.

Ein Stupser, den niemand sieht, ist kein Angebot mehr. Er ist eine Täuschung. Und Politiker, die ihre Bürger täuschen, vielleicht sogar zum eigenen Besten, haben aufgehört, uns als Bürger zu betrachten und zu behandeln. Für die sind wir die Esel die der Möhre folgen.

Fazit

Der freie Mensch ist nicht der, dem man eine gute Umgebung gebaut hat. Der freie Mensch ist der, der in einer schlechten Umgebung trotzdem Nein sagen kann und dafür den Preis kennt und zahlt.

Die alte Macht sagte: Gehorche, oder leide. Die neue Macht sagt nichts. Sie hat dich bereits überzeugt, dass Gehorsam deine eigene Idee war.

Das ist kein Fortschritt. Das ist die perfektionierte Unterwerfung. Die alte war sichtbar. Diese hier trägt auch dein Gesicht.

Wir sind kein Menschenmaterial, das man nach Belieben herumschupsen kann. Wir sind Menschen. Wir sind freie Menschen. Wir sind freie Bayern.

Das sollte uns etwas bedeuten. Genug, um aufzustehen. Genug, um Nein zu sagen. Laut. Zur Unzeit. Immer wieder.

 

Verfasser: B. Steiner

Bild: Canva

Von Bavarian